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08.02.2026 03:00 |
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Das Beben von Davos: Trump
verkündet eine neue Weltordnung
„Ein neuer Sheriff ist in der Stadt“ – mit dieser
unverhohlenen Ansage an die international vernetzte Elite hat Donald
Trump in Davos das Ende der alten Weltordnung eingeläutet und die
transatlantischen Beziehungen in eine tiefe Krise gestürzt. Der
renommierte ungarische Auslandsjournalist und Analytiker Gábor Stier
seziert in seinem Beitrag die radikale Umgestaltung der globalen
Architektur, bei der Washington die Diplomatie durch eiskalte
Geschäftslogik ersetzt und sogar treue Verbündete in die offene
Rebellion treibt. Aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli. [Quelle:
nachdenkseiten.de] JWD
Ein Artikel von
Gábor Stier |
07. Februar 2026 | Quelle: nds.de

Screenshot | Quelle: nachdenkseiten.de
Vor Davos erwarteten viele eine historische Rede des US-Präsidenten
Donald Trump. Stattdessen stahl der kanadische Regierungschef Mark
Carney mit einer gut aufgebauten Rede die Show, in der er den westlichen
Mainstream gnadenlos mit den Realitäten konfrontierte. Dem
ursprünglichen Drehbuch zufolge hätte die Ukraine erneut im Mittelpunkt
stehen sollen, doch Grönland rückte in der Prioritätenliste nach vorne.
Schon allein deshalb, weil der Staatschef der USA auf symbolische Weise
unter anderem über diese Frage – und nicht zuletzt durch die Gründung
des Friedensrates – in Davos den Auftakt der von ihm vorgestellten neuen
Weltordnung verkündete. Freilich werden hierzu nicht nur der derzeit am
lautesten protestierende transatlantische Mainstream, sondern auch
andere noch ein Wörtchen mitzureden haben.
Auf heimischem Terrain konfrontierte Donald Trump das Establishment der
Globalisierung damit, dass eine Ära endgültig abgeschlossen ist. Wie der
Handelsminister Washingtons bereits vor der Rede des Präsidenten
andeutete, sei die große US-Delegation nicht nach Davos gekommen, um
sich anzupassen, um Erlaubnis zu fragen oder den Status quo
aufrechtzuerhalten. Wie Howard Lutnick – frei nach James David Vance –
formulierte, sei man gekommen, um klarzustellen, dass der Kapitalismus
einen neuen Sheriff in der Stadt hat. Und wie schon der Vizepräsident
ein Jahr zuvor in München, gab nun in Davos der US-Präsident persönlich
den tonangebenden Kreisen in seinem eigenen Stil zu verstehen, dass eine
Epoche zu Ende gegangen ist.
Abschied vom Multilateralismus: Die Flucht in die Autonomie
Während der westliche reformorientierte Mainstream im Februar 2025 noch
schockiert über die Münchner Rede von J. D. Vance war, hatte sich diese
Elite auf Präsident Trump bereits vorbereitet. Man wusste genau, was zu
erwarten war, und lud ihn bewusst nach Davos ein. Kaum jemand dürfte
geglaubt haben, ihn für sich gewinnen zu können; man wollte jedoch den
Handlungsspielraum eines Mannes austesten, der das Jahr 2026 erneut mit
dem „Eintreten der Tür“ begann und vielleicht allzu selbstbewusst
geworden ist.
Es wäre sogar kein abwegiger Gedanke, dass diese über oder hinter den
Staaten stehende Elite den in sein eigenes Genie verliebten
Repräsentanten Washingtons sogar benutzt. Zum Beispiel dazu, das nach
dem Zweiten Weltkrieg zur Stärkung der westlichen Hegemonie aufgebaute
Institutionensystem zu zertrümmern, damit diese Elite – angepasst an die
neuen Realitäten – weiterhin ihren globalen Einfluss wahren kann. In
diesem Spiel wird Trump vorangeschoben und gelenkt, während er daran
arbeitet, diesen Einfluss (auch) zu stärken, damit die USA der stärkste
Pol der sich formenden multizentrischen Weltordnung werden.
Vergessen wir nicht: Während die Welt auf die (geo-)politischen
Äußerungen achtete, rückte der neue Co-Vorsitzende des
Weltwirtschaftsforums (WEF), der BlackRock-Gründer und -CEO Larry Fink –
in diesem Punkt keineswegs im Gegensatz zu Donald Trump stehend –, die
Künstliche Intelligenz und die Entwicklung der Finanzweltordnung,
einschließlich der Rolle des Dollars, ins Zentrum der Konferenz. Als
Gastgeber gab er natürlich geschickt dem Entfalten des
Großmachtwettbewerbs und den Debatten über geopolitische Prozesse Raum.
Deren den US-amerikanischen Dominanzanspruch verstärkender Ausklang
dürfte nicht nur Europa nachdenklich stimmen, sondern auch die Akteure
der nicht-westlichen Welt von Peking über Neu-Delhi bis Moskau.
Carneys Weckruf: Die Allianz der Mittelmächte gegen das Imperium
In diesem Kontext ist vielleicht auch die gut aufgebaute, intellektuell
herausragende Rede des kanadischen Premierministers verständlicher, die
den westlichen Mainstream gnadenlos mit den Realitäten konfrontierte und
besonders in den liberal-progressiven Medien großen Widerhall fand. Mark
Carney hielt dem von Washington repräsentierten US-imperialen Denken den
Spiegel vor, ohne dessen Namen auch nur zu nennen. Zudem unterstrich er
mit seinem bemerkenswerten Auftritt die Unbeholfenheit des
US-Präsidenten und gewann mit seiner freiheitskämpferischen,
anti-imperialen Rhetorik sogar die Sympathie patriotisch gesinnter
Kreise.
Doch vergessen wir nicht: Mark Carney ist ein typischer Vertreter der
liberalen kosmopolitischen Elite, der nun gar nicht anders kann, als
sich gegen eine USA zu wenden, die bei der Durchsetzung ihrer Interessen
die eigenen Verbündeten demütigt und mehr denn je in eine Vasallenrolle
zwingt. Zudem hat er als Premierminister Kanadas – was von Trump nur als
Gouverneur des 51. Bundesstaates der USA tituliert wird – ohnehin keine
andere Wahl. Diese Aufgabe hat er jedoch – das muss man anerkennen –
hervorragend gelöst.
Der Kern von Carneys Botschaft ist, dass die von den USA geführte, auf
gemeinsam akzeptierten Regeln basierende Weltordnung am Ende ist. Die
Welt befinde sich nicht mehr im Übergang, sondern im Bruch, und dieser
Riss erfordere mehr als bloße Anpassung. Einerseits Ehrlichkeit, die
Welt so zu sehen, wie sie vor uns liegt, andererseits Zusammenhalt
anstelle von zielloser Nostalgie. Wenn die (westlichen) Mittelmächte
zusammenhalten und gemeinsam Nein zum US-Präsidenten sagen – so
formulierte er –, dann stünden sie nicht auf der Speisekarte, sondern
säßen mit am Tisch. Unter Berufung auf Václav Havel warnte er, dass
Tyrannei dadurch funktioniere, dass der „kleine Mann“ – in diesem Fall
die kleineren Länder – mit ihr kooperiere, selbst wenn er nicht
einverstanden sei. Wenn diese Zusammenarbeit ende, sei es vorbei mit der
Tyrannei. Carney schlug vor, dass Europa und Kanada ein enges Bündnis
schließen, sich militärisch und wirtschaftlich unabhängig machen und die
Mittelmächte gegenüber den Größten Stärke zeigen sollten.
Laut dem kanadischen Regierungschef seien der Multilateralismus und die
„Konstrukte der kollektiven Problemlösung“ wie die UNO „geschwächt“ und
die Länder müssten akzeptieren, dass sie häufiger als in der jüngeren
Vergangenheit allein handeln müssen. Es müsse eine größere strategische
Autonomie in den Bereichen Energie, Lebensmittel, kritische Mineralien,
Finanzen und Lieferketten geschaffen werden. „Ein Land, das sich nicht
selbst mit Nahrung und Treibstoff versorgen oder sich nicht verteidigen
kann, hat nur wenige Optionen. Wenn die Regeln dich nicht mehr schützen,
musst du dich selbst schützen“, sagte Carney. In diesem Geist baut
Kanada Radarsysteme, die Bedrohungen hinter dem Horizont identifizieren
können, und diversifiziert seine Beziehungen. Deshalb besuchte Carney
kürzlich China sowie Katar, woraufhin Washington Kanada mit
100-prozentigen Strafzöllen drohte und die Einladung zum Friedensrat
zurückzog. Doch das Weiße Haus versucht mit aller Macht, auch eine
engere Beziehung zwischen Kanada und Europa zu verhindern.
Erwachen in Davos: Europa vor den Trümmern der Transatlantik-Ära
Wenn auch nicht mit dieser Deutlichkeit, so skizzierten doch auch andere
die Umgestaltung der Welt und die tiefe Krise der transatlantischen
Beziehungen. Laut dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron kann man
auf Stärke nur mit Stärke antworten, und die Europäische Union könne
sich keine weitere Demütigung leisten. Seine Worte lösten jedoch kaum
Resonanz aus, da er bereits seit Jahren die Notwendigkeit der Schaffung
einer europäischen strategischen Autonomie beschwört, in der Praxis
jedoch nichts für deren Umsetzung getan hat.
Aufhorchen ließen hingegen viele die Ausführungen von Bart De Wever. Der
belgische Premierminister erklärte, Washington könne nicht mehr als
Verbündeter betrachtet werden, womit die 80 Jahre der atlantischen Ära
endgültig vorbei seien. Was die Grönland-Offensive von Donald Trump
betrifft, bemerkte er nur düster, dass es eine Sache sei, ein
glücklicher Vasall zu sein, und eine ganz andere, ein elender Sklave.
Bemerkenswert ist, dass mehrere Redner – etwa Jordan Bardella,
Fraktionschef der „Patrioten für Europa“ im EU-Parlament – selbst aus
der europäischen patriotischen Parteienfamilie ein härteres Vorgehen
gegen Washington forderten.
Europa erwacht also bereits, sieht die Lage immer klarer und kann
gleichzeitig immer weniger auf deren Änderung hoffen. So muss es sich
wohl oder übel neuen Herausforderungen stellen, die größer sind als der
Ukraine-Konflikt und die vermeintliche russische Gefahr. Verzweifelt
stellt es jedoch fest, dass es gegenüber Trump keine Kraft besitzt. Man
geht zwar so weit, zur Schaffung geopolitischer und wirtschaftlicher
Gegengewichte engere Beziehungen zu China ins Spiel zu bringen, kann
sich jedoch bezeichnenderweise noch nicht aus der Gefangenschaft des
Ukraine-Konflikts befreien. So kommt eine Normalisierung des
Verhältnisses zu Russland nur vorsichtig oder gar nicht zur Sprache.
Der Friedensrat: „Trumpismus“ als globale Institution
Carney hat mit seiner geschliffenen Rede zwar die Show gestohlen, doch
der sprunghafte und etwas wirre Auftritt von Trump – der entgegen den
Erwartungen keinesfalls als historisch bezeichnet werden kann –
bestimmte dennoch die Tage in Davos. Die Rede des US-Präsidenten war,
wenn auch nicht in Bezug auf seine Selbstdarstellung, jedenfalls doch
zurückhaltender als erwartet. Dennoch bestätigte er, dass diese in allen
Fugen krachende Weltordnung am Ende ist. Er setzte die Demütigung des
auf falschem Weg befindlichen Europas fort, kritisierte den liberalen
und unfruchtbaren Führungsstil Brüsseler Prägung und interpretierte –
wenn auch vorsichtiger als in seinen Social-Media-Posts – das
transatlantische Verhältnis neu. Damit beruhigte er auch jene nicht, die
eine Zerschlagung der NATO befürchten. Ebenso stellte er klar, dass
Washington so oder so, unter Verzicht auf militärische Gewalt, aber auch
in Bezug auf Grönland seine Interessen durchsetzen wird.
Er erklärte unmissverständlich und drohend: „Wir bitten um ein Stück Eis
im Austausch für den Schutz der Welt, und man gibt es uns nicht. Sie
haben die Wahl. Sie können Ja sagen, und wir werden sehr dankbar sein,
oder sie können Nein sagen, woran wir uns erinnern werden.“
Die Rede des US-Staatschefs war für die Europäer gleichzeitig beruhigend
und Anlass zu weiteren Sorgen. Die Erleichterung über die Rücknahme des
Versprechens einer bewaffneten Intervention wurde eindeutig durch das
nun ständig und in allen Segmenten spürbare gegenseitige Misstrauen
überschattet.
Um die Initiative bei der Umgestaltung der Weltordnung zur Wahrung und
Stärkung der US-Positionen zu demonstrieren, gründete Trump in Davos
offiziell den Friedensrat, der implizit über die Bewahrung des Friedens
in Gaza und den Wiederaufbau der Region hinausgeht. Der Präsident aus
Washington denkt letztlich an die Ablösung der UNO – allerdings so, dass
er den Multilateralismus im klassischen Sinne abschaffen und die
Diplomatie nach seinem eigenen Bild, nach den Regeln der
Unternehmensführung, umschreiben würde. In seinem Friedensrat wird der
Einfluss durch die Aktionärslogik bestimmt; sein erklärtes Ziel ist die
schnelle, geschäftsmäßige Beilegung globaler Konflikte.
Man könnte auch sagen, dass der Friedensrat eigentlich die
Institutionalisierung des Trumpismus als politische Weltanschauung im
internationalen Raum ist, deren Ziel es ist, die multilaterale Ordnung
nach dem Zweiten Weltkrieg zu ersetzen oder, um es in der
Wirtschaftsterminologie zu sagen, aufzukaufen. Der US-Präsident
behandelt die globale Sicherheit nicht mehr als völkerrechtliche,
sondern als Management-Frage.
Die als Auftakt der neuen Weltordnung angekündigte Gründung des
Friedensrates, das demonstrative Aufstellen eines neuen Machtzentrums,
weist über sich selbst hinaus. Einerseits ist die Wahl des Ortes ein
Hohn gegenüber der Davoser Elite, andererseits ist der Versuch, die
Rahmenbedingungen einer neuen Welt festzulegen, eine Botschaft an den
„globalen Süden“. Abgesehen davon, dass die Weltinstitutionen die
veränderten Machtverhältnisse nicht mehr widerspiegeln, könnte der von
Washington initiierte Friedensrat zwar eine Antwort auf die Ineffizienz
geben, spiegelt aber die realen Kräfteverhältnisse weiterhin nicht
angemessen wider. Stattdessen würde er das Funktionieren der Welt den
geopolitischen Interessen der USA unterordnen. Ganz zu schweigen davon,
dass er Trump direkt unterstellt ist, was schon mittelfristig kein
reibungsloses Funktionieren garantiert.
Fazit: Rohe Gewalt statt Recht
Was wir in Davos gesehen haben, ist die Essenz der Gestaltung einer auf
roher Gewalt basierenden, sich entlang von Interessensphären formenden
Weltordnung nach den Vorstellungen von Donald Trump. Diese Logik
widerspricht der Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, die im Prinzip auf
dem Primat von Souveränität, Selbstbestimmung und multilateralen
Sicherheitsgarantien aufbaute. Wie man am Beispiel Grönlands sieht, ist
im Sinne der „America First“-Außenpolitik von partnerschaftlicher
Zusammenarbeit keine Rede mehr; diese wird durch die strategische
Notwendigkeit überschrieben.
Der US-Präsident weist darauf hin, dass die internationale Politik in
Wahrheit schon immer durch den Willen der größeren und stärkeren Staaten
geformt wurde. In dieser Logik werden die Souveränität durch Interessen
überschrieben und Regeln oder das internationale Recht sowie auf
Abstimmung basierende multilaterale Organisationen als Hindernis oder
zumindest als Problem, als unannehmbare Bindung, nicht als Ressource,
sondern als Risiko wahrgenommen.
Nicht nur die Mittelmächte und kleineren Länder sind gezwungen, eine
Seite zu wählen. Tatsächlich muss auch Washington entscheiden, mit wem
man sich verbündet, denn allein wird man keine Ergebnisse erzielen
können. Es liegt nahe, dass dies die Großmächte sind – allen voran
Russland, China, Indien –, während er im westlichen Block jene Länder
zur Stärkung seiner Positionen nutzt, die ihm im Denken nahestehen. In
der nicht-westlichen Welt hingegen nutzt Trump fallweise und regional
verschiedene kleine und mittlere Mächte, um lokale Machtzentren
auszugleichen und die Transportwege zu kontrollieren. Dabei darf er sich
natürlich nicht wundern, wenn seine Konkurrenten ihm gegenüber ebenso
verfahren – sogar seine Verbündeten, wie Kanadas Öffnung gegenüber China
zeigt. In diesen Spielen muss zur Aufrechterhaltung der Stabilität noch
stärker als bisher auf jene berüchtigten „roten Linien“ und das
Respektieren von Einflusszonen geachtet werden; so sehr, dass in der
fragilen Welt einer multipolaren Ordnung, die auf Gleichgewichten
basiert, sogar die Washingtoner Grobheit nach hinten losgehen kann.
Dieser Artikel von Gábor Stier erschien ursprünglich in der
ungarischen Wochenzeitschrift
Demokrata sowie auf dem ungarischen Portal
Moszkvatér.
Titelbild: farzand01 / Shutterstock
Link zum Originaltext
bei ' nachdenkseiten.de '
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Tags:
nachdenkseiten.de, nds.de, China, Eliten, Europäische Union,
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